Neues Führen

Ein Beitrag von Josef W. Seifert –

Kurze Vorbemerkung: Zugunsten einer flüssigen Schreib- und Lesbarkeit gendere ich nicht.

Immer wieder wird die Forderung laut, dass die Führungskraft „Moderator und Coach“ ihrer Mitarbeiter sein muss. Was ist damit gemeint?

Die rasante Entwicklung der Informationstechnologie und die Globalisierung der Märkte führen zu ständig zunehmendem Wettbewerb. Dabei sind die Mitarbeiter zum zentralen Wettbewerbsfaktor geworden. Ihr Wissen, ihre Fähigkeit und ihr Engagement, sich rasch auf veränderte Umfeldbedingungen einzustellen, Probleme zügig zu lösen und Neuerungen zu finden, sind entscheidende Erfolgsfaktoren geworden. Sie unterscheiden das flexiblere und schnellere, das agile Unternehmen vom starreren, langsameren und entscheiden so wesentlich mit über den wirtschaftlichen Erfolg.

Dadurch entsteht eine – in ihrer Tragweite den meisten Führungskräften noch nicht bewusste – neue Führungssituation: Gefordert wird der Mitarbeiter als „Unternehmer im Unternehmen“. Die Führungskraft andererseits wird vom „Oberfachmann“ zum Gestalter von Führungssituationen, die den Mitarbeitern das geforderte neue Verhalten auf Augenhöhe ermöglicht und sie diesbezüglich gezielt fördert und unterstützt. Das Führen mit Zielen und die Moderation von Teams rücken in den Brennpunkt des Führungsgeschehens: Die Führungskraft wird zum Moderator und Coach ihrer Mitarbeiter. Was aber bedeutet dies konkret und was daran ist neu im Unterschied zum „klassischen“ Führen?

Klassisches Führungsmodell

Nach klassischem Führungsverständnis brauchen Organisationen Führungskräfte, die die Einzelleistungen der Mitarbeiter fordern bzw. abstimmen, koordinieren und zusammenführen. Zum einen gilt es dabei, die Interessen des Unternehmens bezogen auf Qualität, Quantität und andere Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, unter denen das Produkt bzw. die Dienstleistung erstellt/erbracht wird. Andererseits arbeiten Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen, denen ebenso Rechnung getragen werden soll.

Beiden Dimensionen muss die Führungskraft gleichermaßen gerecht werden, wie dies auch z.B. im GRID-Modell von Blake/Mouton zum Ausdruck kommt. Dies bedeutet in der Aufgabenorientierung etwa, darauf zu achten, dass die Mitarbeiter die quantitativen und qualitativen Anforderungen des zu erstellenden Produktes/der Dienstleistung erfüllen. In der Mitarbeiterorientierung geht es z.B. darum, ein „stimmiges“ Arbeitsklima zu schaffen und zu „pflegen“.

Abb. 1 – GRID-Modell

Partizipatives Führungsmodell

Lutz von Rosenstiel erweiterte diese Vorstellung, indem er eine dritte Dimension einführt, die Partizipation. Er fordert, dem Mitarbeiter möglichst viel Handlungs- und Entscheidungsspielraum einzuräumen als Voraussetzung für mehr Mitsprache und Mitverantwortung. Will man den geforderten „Unternehmer im Unternehmen“ realisieren, so scheint Rosenstiels Forderung der Dreh- und Angelpunkt hierfür zu sein.

Folgt man diesem Gedanken, so stellt sich die Frage, warum dieser Forderung bislang so wenig entsprochen wird bzw. was zu
tun ist, damit die Umsetzung gelingt. Liegt es vielleicht daran, dass die Vorgesetzten keine Freiräume schaffen oder eher daran, dass Mitarbeiter gegebene Freiräume nicht nutzen oder an beidem?

Führungssituation heute

Der Vorgesetzte

Ein Großteil der heutigen Führungskräfte wurde aufgrund ihrer herausragenden fachlichen Qualifikation in die Führungsfunktion übernommen. Dadurch sind sie auch in der neuen Funktion weiterhin der erste Ansprechpartner bei fachlichen Fragestellungen und leiten aus diesem „Gefragtsein“ auch ihren sozialen Status im Unternehmen ab. Das Schaffen von Freiräumen birgt deshalb die Gefahr, dass die Mitarbeiter diese so nutzen, dass die eigene Expertenposition geschwächt oder gar in Frage gestellt wird. Der Vorgesetzte verliert möglicherweise an Einfluss, Ansehen und „Wert“. Dies führt (unbewusst!) dazu, dass fachliche Aufgaben den eigentlichen Führungsaufgaben vorgezogen werden. Das Entwickeln von Visionen und Strategien, das Wahrnehmen koordinierender Aufgaben, das Coachen des Einzelnen sowie das Moderieren des Teams kommen zu kurz. Gelingt es dem Vorgesetzten dennoch „loszulassen“, kann er nicht in jedem Fall davon ausgehen, dass die Mitarbeiter willens und fähig sind, diesen Freiraum (sinnvoll) zu nutzen.

Die Mitarbeiter

Die Forderung – vor allem jüngerer Mitarbeiter – nach Handlungsspielraum und Chancen, Leistung zeigen zu dürfen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den letzten Jahrzehnten andere Vorstellungen von Führung gelebt wurden: Zentrale Planung nach tayloristischen Grundprinzipien machten das Mitdenken der Mitarbeiter eher zur „Störgröße“. Passivität hinsichtlich eigener Ideen und Forderungen bedeutet daher für viele Mitarbeiter immer noch, sich „auf sicherem Boden“ zu bewegen. Initiativ zu werden hingegen heißt, Probleme aufzugreifen und Verantwortung zu tragen. Fehler zu vermeiden (und damit nicht angreifbar zu sein) hat einen höheren Stellenwert, als Chancen zu nutzen.

Die Lösung

Zur Lösung dieses „gordischen Knotens“ ist Moderation im Denken und Handeln gefordert.

 

Abb. 2 – Dimensionen der Führung

Führungssituation morgen: „Moderierendes Führen“

Moderation steht für Mäßigung. Im Führen bedeutet dies, Extreme zu vermeiden. Die Führungskraft kann weder der fachliche Experte bleiben noch sich fachlich völlig zurückziehen. Die Mitte ist gefragt!

Dies bedeutet für den Vorgesetzten, sich fachlich zurückzuhalten, ohne die Gesamtverantwortung aus der Hand zu geben. Gleichzeitig muss er dabei für einen maximalen Handlungsspielraum der Mitarbeiter sorgen. Das Motto kann nur lauten: „Erfolg durch exzellente Mitarbeiter!“ statt: „Erfolg durch fachlich überlegene Vorgesetzte!“.

Das setzt einerseits Vertrauen in die Fähigkeiten und Entwicklungspotentiale der Mitarbeiter voraus. Er muss sich dazu „trainieren“, die Kraft aufzubringen, sich bei operativen Entscheidungen herauszuhalten. Dies dürfte ihm besonders anfangs schwerfallen, wenn etwa die Entscheidungen scheinbar wenig durchdacht sind, nicht seinen „Qualitätsnormen“ entsprechen und/oder zu lange dauern.

Andererseits muss er seine Mitarbeiter aktiv fördern und unterstützen, damit auch diese in die neue Rollenverteilung hineinwachsen können. Sein Ziel muss es dabei sein, die Mitarbeiter zu befähigen und zu motivieren, die neuen „Freiheitsgrade“ aktiv zu nutzen. Die Führungsinstrumente dazu sind Moderation und Coaching, die ihrerseits getragen sind durch die Grundeinstellung zum „Führen auf Augenhöhe“.

Die Ziele sind dabei von den Organisationszielen abgeleitet und bilden den Orientierungsrahmen für die gemeinsame Arbeit und konkrete Zielvereinbarungen im Team. Die zentrale Technik zur Klärung und Vereinbarung von Zielen sowie zum „Ziel-Controlling“ ist die SixSteps Moderationsmethode.

Moderation des Teams

Moderation ist dabei immer dann das Führungsinstrument der Wahl, wenn „Freiheitsgrade“ existieren. Sind hingegen wesentliche Fakten bereits deutlich vorgegeben, sind Ziel, Weg und Ressourcen klar definiert, bedarf es keiner Diskussionen mehr. Wenn aber die Sachkenntnis der Mitarbeiter gefragt ist, wo sie als Experten für die Problemlösung und zu deren Umsetzung gebraucht werden, müssen sie aktiv einbezogen werden! Der Vorgesetzte hat dazu die Aufgabe, (möglichst) vorab die Handlungs- und Entscheidungsspielräume festzulegen, innerhalb derer die Gruppe frei agieren kann. Er sollte dazu prüfen, ob …

  • die Eckpfeiler/Ziele konform mit den Organisationszielen sind.
  • die Gruppe reif genug ist, die Freiheitsgrade zu nutzen, d.h., ob die Bereitschaft und Fähigkeit dazu vorhanden ist. Er selbst ist dabei in der Doppelrolle des neutralen Moderators und des ergebnisverantwortlichen Vorgesetzten.

Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, muss er vor der Moderation, während des Gespräches und nachbereitend tätig werden.

Vorher

Neben der üblichen organisatorischen Vorbereitung und der bereits erwähnten Zielklärung sollte er wissen, wie er die Gruppe – innerhalb des Moderationszyklus, also im Rahmen der SixSteps der Moderation, methodisch unterstützen möchte, so dass sie strukturiert arbeiten und sich jeder einzelne verantwortlich einbringen kann/wird.

In der Moderation

Je klarer der Vorgesetzte vorab den Rahmen abgesteckt hat, desto leichter wird es ihm in der Moderation fallen, sich (inhaltlich) zurückzuhalten. Ist es aus seiner Sicht dennoch erforderlich sich inhaltlich zu Wort zu melden, so sollte er unbedingt darauf achten, dass für die Gruppe die Notwendigkeit dazu erkennbar wird und, dass er hierzu seine neutrale Moderatorenrolle (vorübergehend) verlässt.

Dies kann er beispielsweise verbal tun, wie etwa: „An der Stelle muss ich Euch als Ergebnisverantwortlicher kurz eine aktuelle Information geben, damit …“

Ist es erforderlich, dass er zeitweise mitdiskutiert, kann er den Rollenwechsel verbal oder auch körpersprachlich deutlich machen.

Nachher

Im Rahmen seiner Moderatorenrolle ist der Vorgesetzte zuständig für das „Zielcontrolling“. Als Verantwortlicher für das Gesamtergebnis muss er darüber hinaus dafür sorgen, dass die Entwicklungspotentiale der Mitarbeiter genutzt werden, die sich zeigen, wenn die vereinbarten Maßnahmen umgesetzt werden. Zur Aufgabe des Moderierens kommt die Aufgabe des Förderns, des Coachings hinzu.

Coaching

Coaching bedeutet, jemanden „betreuen, trainieren, entwickeln“. Dies ist neben der Moderation des Teams eine (Haupt-)Aufgabe der Führungskraft. Sie findet auf der individuellen Ebene statt. Ansatzpunkte für ein gezieltes Coaching ergeben sich für den Vorgesetzten einerseits aus Team-Moderationen, andererseits aus dem Erleben des Mitarbeiters im „normalen“ Arbeitsablauf. Es geht dabei darum, Maßnahmen zu vereinbaren, die geeignet erscheinen, erkannte Defizite auszugleichen und (soweit für die Organisation nützlich) Talente berücksichtigen, dass Mitarbeiter und Teams als soziale Systeme nur bedingt steuerbar sind. Es kann daher allein darum gehen, die Rahmenbedingungen für den gemeinsamen Erfolg geschickt zu gestalten, zu moderieren.
Auch wenn dieses „neue Führen“ anfangs aufwendiger erscheint, mit dem Aufgeben des bewährten Führungsverständnisses verbunden ist und Ängste verursachen mag, so lohnt es doch. Beobachtet man die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen, so liegt die Vermutung nahe, dass die zu bewältigenden, komplexen Herausforderungen allein durch motivierte, kreative und leistungsfähige Teams gemeistert werden können! Solche Teams aber können nur im Rahmen des skizzierten Führungsverständnisses entstehen und sich kontinuierlich weiterentwickeln.

Selbstorganisation

Führen bedeutet heute zudem, Selbstorganisation zu ermöglichen und zu nutzen. Dazu muss eine „Organisation im organisierten Rahmen“ geschaffen werden, die maximale Freiheitsgrade und Selbstverantwortung für das Team bereitstellt. Ein wesentlicher Aspekt für das Gelingen selbstorganisierten Arbeitens ist dabei die Fähigkeit gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Auch dabei kann /sollte /muss die neue Führungskraft Moderator, Coach und Trainer sein.

Je weniger die Führungskraft leiten, lenken, korrigieren muss, desto besser macht sie ihren Job, desto besser gelingt Facilitative Leadership oder „Neues Führen“.


© MODERATIO 2024

 

Dynamit Facilitation

SixSteps meets Dynamic Facilitation 

– Ein Beitrag von Josef W. Seifert

Wenn es – in/mit einer Gruppe von bis zu maximal 20 Personen – um die Bearbeitung emotional aufgeladener Themen geht, das Thema komplex ist und die Stimmung nach Dynamit riecht, dann kommt das Moderationsdesign „Dynamic Facilitation“ zum Einsatz, so oder ähnlich klingen Begründungen für den Einsatz des Moderationsansatzes des amerikanischen Kollegen Jim Rough. Zugegeben, etwas überspitzt formuliert.

Zudem hört oder liest man immer wieder, dass das Spezifische an dieser Moderationsmethode sei, dass der Moderator nichts unternimmt, um die Gruppe auf einem linearen Weg zu halten und dezidiert nicht auf den roten Faden achtet.

Ein dritter Punkt ist der, möglicherweise etwas esoterisch anmutende „Durchbruch“, der bei Anwendung von Dynamic Facilitation, für die Bewältigung besonders schwieriger Situationen im Gruppenprozess, in Aussicht gestellt und angestrebt wird.  

Kurz und gut, worum geht’s nun ganz genau?

  • Was steckt dahinter, was ist dran? Wie „tickt“ diese Moderationsmethode? 
  • Wie ist Dynamic Facilitation aufgebaut?
  • Was hat es mit der Nicht-Linearität auf sich, achtet die moderierende Person tatsächlich nicht auf die Struktur?
  • Was ist das mit dem Durchbruch, wie und wodurch soll dieser „Quantensprung“ entstehen?
  • Worin liegen die Gefahren, wo ist das Dynamit versteckt? 

Aufbau / Struktur

Die Aussage, dass sich der Facilitator bei Dynamic Facilitation nicht um den roten Faden bemüht, betont den Kern der Methode, verliert dabei aber die Gesamtstruktur aus den Augen. 

Der Kern der Methode, ich habe ihn „Exploration“ und „Conclusion“ genannt, kann in zwei Settings genutzt werden:

A) Eine Moderation ist komplett als Dynamic Facilitation Workshop geplant, dann ist dieser Methodenkern implizit.

B) Die Kernelemente des Dynamic Facilitation werden im Rahmen eines „normalen Workshops“ genutzt, um eine verfahrene Situation zu klären. 

A) Der Dynamic Facilitation Workshop

Die Gesamtstruktur des Vorgehens bei Dynamic Facilitation lässt sich gut in die klassischen SixSteps des Moderationszyklus einordnen. Ein Dynamic Facilitation Workshop folgt dieser Struktur:

Die Gesamtstruktur

Der Ablauf eines Dynamic Facilitation Workshops in der Struktur der klassischen SixSteps:

1) Einsteigen // Check in

Sowohl in den klassischen SixSteps des Moderationszyklus‘, als auch im „Dynamic Zyklus“ werden im ersten Schritt die Teilnehmer begrüßt und das Thema benannt, Spielregeln vereinbart… Es geht im ersten Schritt immer darum, die Gruppe arbeitsfähig zu machen.

2) Sammeln // Exploration

In den klassischen SixSteps, werden im Schritt 2 „Sammeln“, alle aus Sicht der Teilnehmenden zum Generalthema zu bearbeitenden Themen, Fragen, Bedenken … gesammelt. Im Dynamic Zyklus ist der Step 2 die zentrale und zeitlich aufwändigste Phase. Hier findet die Exploration statt, bei der Informationen, Bedenken, Fragen und Lösungsideen gesammelt werden. 

3) Auswählen // Conclusion

Der Schritt 3 des klassischen Moderationszyklus der Businessmoderation dient dem Auswählen der Themen, die vorrangig bearbeitet werden sollen. In der Dynamic Facilitation Moderationsmethode ist der Schritt 3 die schwierigste Phase. Nachdem ‚alles gesagt ist, was zu sagen war‘, wird zunächst in Stille das Entstandene betrachtet, ohne darüber zu sprechen. Nach diesem ‚Sacken lassen‘, sind Vorschläge für das weitere Vorgehen gefragt.

Im positivsten Fall gelingt hier der Durchbruch. Jemand hat die zündende Idee, wie das Ausgangsproblem gelöst werden kann, die alle anderen begeistert. Diese Idee ist dann die erste Wahl und wird weiterverfolgt. Hier ist im klassischen Dynamic Facilitation also eine ‚Sollbruchstelle‘, da es passieren kann, dass es keinen ‚genialen Einfall‘, keinen Durchbruch gibt und die Sacharbeit mit der vorliegenden Sammlung abgeschlossen ist.

4) Bearbeiten //  Concretise

Während im Dynamic Facilitation die Phase 3 die aufwändigste ist, ist dies im klassischen Ablauf die Phase 4. Klassisch werden hier die Themen in die Tiefe verfolgt und Lösungsalternativen erarbeitet. Im Dynamic Zyklus wird hier der Gedanke weiterverfolgt, der als Durchbruch und Lösungsidee angenommen wurde. Dazu können die im vorangegangenen Schritt erarbeiteten Lösungsansätzen, Ideen und Vorschlägen, genutzt werden.

5) Planen // Next Steps

Sowohl im einen, als auch im anderen Ansatz, werden in diesem Prozessschritt Maßnahmen geplant. Die Teilnehmer einigen sich auf die Next Steps.

6) Abschließen // Check out

Das Abschließen ist in beiden Moderationsdesigns identisch. Es stehen eine Vielzahl von Methoden zur Verfügung, die dazu dienen, die Veranstaltung abzurunden und zu beenden.

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Wann ist Dynamic Facilitation die Methode der Wahl?

Dynamic Facilitation kommt zum Einsatz, wenn es ein emotional brisantes Thema zu bearbeiten gilt, wenn Spannungen zu erwarten sind und Teamcoaching beziehungsweise Konfliktmoderation aber nicht in Frage kommen, weil die zu moderierende Gruppe kein Team ist, die Gruppenmitglieder also keine Arbeitsbeziehungen untereinander haben UND Dynamic Facilitation kann genutzt werden, wenn eine Moderation zu einem Sachthema, unerwartet zu eskalieren droht.

Während im SixSteps Moderationszyklus für die Bearbeitung der gesammelten Themen eine Vielzahl von Bearbeitungsmethoden zur Verfügung stehen, nutzt man bei Dynamic Facilitation ausschließlich das Aktive Zuhören und den offenen Dialog.

Der Kern der Methode besteht darin, dass der Facilitator, die Moderatorin, vor versammelter Mannschaft, Einzelgespräche mit den Teilnehmenden führt. Er /sie „zwingt“ dadurch die Gruppe dazu, dass jeder jedem solange zuhört, bis diese/r alles gesagt hat, was er /sie zum Thema zu sagen hat. Der Facilitator „interviewt“ dazu jeden Teilnehmer zur eingangs definierten Problemstellung und notiert die Antworten für alle sichtbar, nach den Kategorien:

• Fragen / Herausforderungen
• Informationen / Sichtweisen
• Bedenken / Einwände
• Lösungen / Ideen

Diese Struktur gibt einerseits die Möglichkeit sich ausführlich zu äußern und zwingt die Teilnehmenden andererseits einander zuzuhören. Das Vorgehen öffnet dadurch einen Raum, der dann im Vertrauen auf die Selbstorganisationskräfte des Systems genutzt werden kann.

Dadurch, dass der Moderator jede/n Teilnehmende/n interviewt und alle anderen gezwungen sind zuzuhören, weiß danach jede/r mehr als vorher darüber, wie die anderen die Sache sehen. Wenn alles gesagt ist, was die Teilnehmenden zu diesem Zeitpunkt sagen können und wollen, gibt er sehenden Auges und absichtlich, nach dem „Prinzip Hoffnung“, einer Diskussion Raum, deren Start sinngemäß lauten könnte: „So, da habt Ihr jetzt den Salat, überlegt Euch, was Ihr damit macht!“

Danach ist Raum für eine Diskussion, in der – so die Hoffnung – jemand die zündende Idee hat oder sich ein Lösungsansatz aus einer Assoziations- und Argumentationskette mehrer Teilnehmender ergibt.

Das kann funktionieren, es kann auch schiefgehen. Und hier liegt das Dynamit!

Nach der Interviewphase ist – im positiven Fall – erst einmal der Druck aus dem Kessel und Erleichterung zu spüren (und vor allem darauf zielt diese, im Original mit „purging“ bezeichnete Phase ab) oder – im negativen Fall – die Stimmung zusätzlich aufgeheizt. Was in der anschließenden Conclusions- oder Dialogphase möglich ist, ist nicht zuletzt von der Explorations- oder Interviewphase abhängig. Haben sich neue Aspekte ergeben? Wer sagt im Interview was? Wer fühlt sich dadurch bestätigt, wer fühlt sich angegriffen? … Wie entwickelt sich die Stimmung?

Um soviel als möglich, Spannung aus der Situation zu nehmen, ist die zentrale Moderations- und Kommunikationstechnik das Aktive Zuhören.

Wichtig dabei: Der Moderator versucht – stellvertretend für jedes einzelne Gruppenmitglied – zu verstehen, was der oder die einzelne zum Thema zu sagen hat. Jedem Teilnehmer wird ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil. Die Aussagen werden nach den genannten Kategorien (Fragen, Informationen, Einwände, Lösungsideen), mit visualisiert. Ein Beitrag muss dabei auf keinen vorangegangenen Bezug nehmen. Die Aussagen werden nicht kommentiert, nicht bewertet, nicht in einen logischen Zusammenhang gestellt. Jede Nennung ist erlaubt und erwünscht. Es geht ausschließlich darum, dass jede/r alles „loswerden“ kann, was er /sie loswerden möchte oder, man könnte auch sagen, beitragen möchte. Am Ende der Phase ist „alles gesagt“.

Dialog / Conclusionsphase

Die Moderation der Dialog- oder Conclusionsphase hat zum Ziel, dass am Ende eine gemeinsame Sicht vorhanden ist und Next Steps geplant werden können. Kann keine gemeinsame Sicht auf die Dinge erreicht werden, so sollte es dennoch möglich sein, nächste Schritte zu planen und sei es „nur“ ein Folgetreffen.

Im Dynamic Facilitation Ansatz ist auch hier keine Moderation im klassischen Sinne vorgesehen, sondern Beiträge werden weiter nach den genannten Kategorien (Fragen, Informationen, Einwände, Lösungsideen) mit visualisiert.

Next Steps

Wenn es inhaltlich möglich ist, weil in der Dialogphase konsensfähige Lösungsideen entstanden sind, oder aber der Zeitplan dazu zwingt, zum Ende zu kommen, werden nächste Schritte geplant und sei es nur der bereits erwähnte Folge-Workshop.

Check out

Ist die Planung des weiteren Vorgehens abgeschlossen, geht es um den Abschluss des Prozesses. Hier liegt der Schwerpunkt – wie in der Moderation grundsätzlich – auf der Reflexion der gemeinsamen Arbeit: „Wie haben Sie die gemeinsame Arbeit erlebt?“ „Wie zufrieden sind Sie jetzt?“ „Wie geht es Ihnen mit dem Ergebnis?“ können Fragen für eine Abschlussrunde sein.

Wurde kein Durchbruch erzielt – und vielleicht auch erst mal keine weitere Maßnahme geplant – kann hier zumindest der intensive Austausch und die Klärung der Sichtweisen gewürdigt werden.

B) Dynamic Facilitation als „Fall Back“

Wenn es in einer klassische Moderation nach den SixSteps, plötzlich emotionaler wird als vorauszuahnen war, die Situation „festgefahren“ ist und die Veranstaltung zu scheitern droht … und sich als Ursache nicht etwa ein schwelender Konflikt ausmachen lässt (sonst wäre hier Meta-Kommunikation und Konfliktklärung angezeigt), der mit dem aktuellen Thema nur wenig bis gar nichts zu tun hat, sondern sich Unzufriedenheit breit macht, weil Teilnehmer frustriert sind, weil sie das Gefühl haben, nicht alles sagen zu können, „was einmal gesagt werden müsste“, kann Dynamic Facilitation als Bearbeitungsmethode vorgeschlagen werden.

Das Vorgehen dazu könnte sein:

  1. Break machen
  2. Methode erklären
  3. Interviews durchführen
  4. Raum für Diskussion freigeben
  5. Fragen, Informationen, Einwände, Lösungsideen mitnotieren
  6. Gesprächsrunde abschließen und in den Schritt „Next Steps planen“ übergehen
  7. Exkurs (ggf. mit einer kurzen Reflexionsrunde) abschließen

Danach sollte unbedingt eine Pause eingelegt werden, bevor mit den priorisierten Themen aus Schritt 3 „Auswählen“ weiter gearbeitet werden kann.

FAZIT: Dynamic Facilitation ist ein spezielles ModeratonsDesign, das für einen definierten Ausnahmefall gut geeignet sein kann. Es bietet in idealerweise die Möglichkeit, die Verantwortung für den Prozess – für das Ergebnis hat sie diese ja ohnehin – an die Gruppe zu übergeben. Das Design darf nicht als Feigenblatt benutzt werden, wenn man keine solide moderatorische Ausbildung hat und/oder methodisch gerade mal „nicht weiter weiß“, sonst begibt man sich in ernsthafte Gefahr, dass einem das oben erwähnte Dynamit um die Ohren fliegt!

Erfolgreiche Moderationen!

Ihr /Euer /Dein
Josef W. Seifert


🔴 Lesetipp: Josef W. Seifert, SixSteps Facilitation: Designs – Methoden – Settings für professionelle Moderation, moderatio books 2025

 


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