Vom Doppeln zum Doubeln
Ich werde immer wieder gefragt, was mich dazu bewogen hat, den Begriff „Doppeln“ aus Jacob Moreno’s „Psychodrama“, das auch in der „Klärungshilfe“ nach Christoph Thomann eine zentrale Interventionstechnik ist, in meinem Buch „Konfliktmoderation“ und in der Ausbildung zum MODERATIO® Konfliktmoderator (MKM), zum „Doubeln“ weiterzu-entwickeln.
Die Kurzantwort ist, dass ich das „Doppeln“ lieber „Doubeln“ nenne, weil es nicht darum geht etwas zu verdoppeln, sondern darum, „in die Schuhe des andern“ zu schlüpfen, also diesen zu „doubeln“.
Im Folgenden die Langantwort: Ich habe die Technik aus dem Psychodrama und der Klärungshilfe übernommen, entwickelte sie aber für die Konfliktmoderation im Business-Kontext weiter und bezeichnete sie konsequent als „Doubeln“. Der Hintergrund war weniger eine bloße Umbenennung als eine bewusste Kontextverschiebung: Im Business steht nicht therapeutische Selbsterfahrung im Zentrum, sondern die Wiederherstellung eines klärenden Dialogs zwischen Konfliktparteien.
Vom psychodramatischen Doppeln
Im Psychodrama nach Jacob Levy Moreno ist „Doppeln“ eine Grundtechnik: Eine Person tritt als „Doppel“ neben den Protagonisten und formuliert dessen vermutete inneren Gefühle, Gedanken oder unausgesprochene Anteile. Ziel ist, bislang schwer zugängliches Erleben bewusst zu machen und Selbstreflexion sowie Veränderung anzuregen. Diese Technik ist stark protagonistenzentriert und therapeutisch: Das Doppel hilft einer Person, ihre innere Welt auszudrücken.
Doubeln statt Doppeln
Ich verstehe Konflikte primär als Beziehungsverletzungen: Sobald Beteiligte sich nicht mehr gesehen, ernst genommen oder respektiert fühlen, gerät die Kommunikation auf der Beziehungsebene aus dem Gleichgewicht. Aufgabe der Konfliktmoderation ist dann, diese Verletzungen sichtbar und besprechbar zu machen. Beim „Doubeln“ spricht der Konfliktmoderator kurzzeitig stellvertretend für eine Partei ungesagte Gefühle, Vorwürfe, Grundannahmen oder Bedürfnisse, gefühlte seelische Kratzer, Narben, Wunden aus und richtet die Formulierung an die andere Partei. Damit fungiert er wie ein Übersetzer: Er macht verdeckte Beziehungsbotschaften hörbar, ohne dass die Partei sie selbst (schon) sagen muss.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut… und wenn das nicht mehr gut sieht, wird der Moderator zur Sehhilfe.“
Warum also „Doubeln“ statt „Doppeln“?
Vier Argumente:
- Abgrenzung vom therapeutischen Psychodrama: „Doppeln“ ist fest mit Morenos Psychodrama und der Rolle des therapeutischen „Doppels“ verbunden. „Doubeln“ definiert eine allparteiliche Haltung im moderierten Dialog zwischen zwei oder mehr Personen.
- Andere Funktion: Beim Doubeln geht es nicht primär darum, einer Person ihre inneren Anteile zu spiegeln, sondern eine Botschaft zwischen zwei Konfliktparteien verständlich und klärend zu übersetzen.
- Allparteilichkeit: Der Moderator doubelt nicht dauerhaft „für“ eine Seite, sondern wechselt je nach Klärungsbedarf zwischen den Parteien. Das entspricht meinem Verständnis von Allparteilichkeit als zeitweiliger Parteinahme im Dienste der Klärung.
- Praxisnähe und Vorsicht: Das Gedoppelte ist ausdrücklich nur ein Angebot; der Moderator muss prüfen, ob es stimmt, und die Ablehnung durch eine Person respektieren. Bei Ablehnung kann der Moderator indirekt doubeln und so „weicher“ Doubeln.
Fazit
Ich habe das psychodramatische „Doppeln“ zu einem kommunikativen Übersetzungs- und Klärungsinstrument für Konfliktgespräche umgebaut. Die Bezeichnung „Doubeln“ signalisiert dabei die Verschiebung von der therapeutischen Innenschau einer einzelnen Person hin zur allparteilichen Vermittlung zwischen Konfliktparteien.
Viel Erolg beim Klären von Konflikten!
Ihr/Euer/Dein
Josef W. Seifert
Lesetipps
🟦 Josef W. Seifert, Konfliktmoderation, GABAL Verlag 2009
🟦 Josef W. Seifert SixSteps Facilitation: Designs, Methoden, Setting für professionelle Moderation, moderatio books 2025
Die Ausbidung
🟦 Der 3×3-MODERATIO®-Klassiker der Konfliktausbildung: konfliktmoderation.de
© MODERATIO 2026


